Die Geschichte der Wiener akademischen
Burschenschaft Gothia
Im Jahre 1952 vereinigten sich die im
Jahre 1938 aufgelösten Wiener Burschenschaften "Germania" und
"Gothia" unter dem Namen "Wiener akademische Burschenschaft Gothia"
und den Farben der "Germania" und traten damit nach dem großen Krieg wieder ins
Leben. Name und Zirkel wurden von Gothia übernommen, Coleur und Tradition von Germania.
Das alte Haus der Germania (Lange
Gasse 10) ging leider verloren, und so stand der neue Bund zunächst ohne Obdach da. Es
bot sich jedoch die Möglichkeit, im heutigen Gothenhaus einige Zimmer zu beziehen. Die
ansässigen Mieter räumten im Anschluß nach und nach das Haus, sodaß Gothia der
alleinige Hausherr wurde. Die folgenden Jahre verliefen ohne große Höhen und Tiefen.
=> Bild: altes Germanenhaus
Der Bestand der Aktivitas war lange
Zeit gesichert und zeitweise zählte Gothias Aktivitas zu den größten in Wien. Am Rande
einer Veranstaltung der Deutschen Burschenschaft in Berlin 1972 kam es zu Kontakten mit
der Burschenschaft Tuiskonia Karlsruhe. Es entwickelte sich ein recht lebhafter und
herzlicher Kontakt, der 1977 in einen Freundschaftsvertrag der beiden Bünde mündete.
Die Geschichte der Wiener
Burschenschaft Germania
Am Jahrestag der Völkerschlacht von
Leipzig, dem 18. Oktober 1861, gründeten deutsch-böhmische Hörer des Polytechnikums in
Wien die Landsmannschaft Bohemia. Man trug eine schwarze Tuchmütze mit den böhmischen
Landesfarben weiß-rot und dementsprechend ein schwarz-weiß-rotes Band.
Es zeigte sich aber schon bald, daß
der landsmannschaftliche Charakter nicht den Ansichten der Mitglieder entsprach und so
erklärte sich Bohemia bereits am 12.12.1861 - keine zwei Monate nach ihrer Gründung -
zur Burschenschaft.
=> Bild: Burschenschaft Bohemia im
Studienjahr 1865/66
Wie seinerzeit in Wien üblich, war
das Aktivenleben durch die Pflege von Dichtkunst und Malerei geprägt. Studentische Sitten
und Bräuche, wie sie im Deutschen Reich üblich waren und wir sie heute kennen, fanden
erst später Eingang in das Coleurleben in Wien.
Bohemia pflegte stets die
deutschnationale Gesinnung. In den Folgejahre reifte die Erkenntnis, daß Farben und Name
dieser Idee nicht entsprechen. Als Protest gegen die 1865 einsetzende deutschfeindliche
Politik der Regierung wurde Ende Juni 1866
der Beschluß gefaßt, die heutigen Farben der Gothia, schwarz-rot-gold mit weißem
Vorstoß und weiße Mütze zu tragen. Aus Aktivenmangel wurden einige Füxe aufgenommen,
die bereits die Gründung einer Verbindung Frankonia beabsichtigten. Mit Beschluß vom 19.
Oktober 1867 wurde jedoch der von den alten Bohemen bevorzugte Name Germania angenommen.
Die Aktivitas wuchs in den folgenden
Semestern auf die stattliche Größe von über 25 Mitgliedern an. Die jungen Germanen
entfernten sich aber immer mehr von ihren deutschnationalen Grundsätzen und neigten der
österreichisch-nationalen Ebene der Corps zu. Zu Beginn des Wintersemesters 1868/69 trat
dieser Widerspruch zu den alten Grundsätzen der Bohemia offen zu Tage. Die Aktivitas
beschloß gegen die Stimmen der Älteren, Germania zum Corps Frankonia mit den Farben
rot-weiß-gold auf rot zu erklären. Dieser Beschluß stand unter keinem guten Stern.
Bereits nach einem Jahr mußte sich das Corps Frankonia auflösen. Die alten Bohemen
übernahmen wieder die Führung unter altem Namen und Farben. Drei Füxe und das kleine
verbliebene Häuflein der Burschen kehrten zu ihren alten burschenschaftlichen
Grundsätzen zurück.
Die nächste Bewährungsprobe
erwartete Germania zu Pfingsten 1874 anläßlich des Stiftungsfestes zur Vollendung des
25. Semesters. Die Festrede des Kommerses war von der Zensur stark beschnitten worden. Der
Schriftleiter der deutschen Zeitung ließ es sich dennoch nicht nehmen, unter dem Jubel
der Teilnehmer einen Trinkspruch auf die weder durch Grenzpfähle noch durch Verbote
einzuengende geistige Gemeinschaft der Deutschen auszubringen. Ein anwesender
Regierungsvertreter erklärte den Kommers daraufhin geschlossen. Weiters wurde der Präses
gegen der Herausgabe einer illustrierten Festzeitung zu 50 Gulden Geldstrafe oder 10 Tagen
Arrest verurteilt. Es folgte Vorladung auf Vorladung, man vermutete eine Verschwörung mit
dem deutschen Reich. Schließlich wurde Germania mit Erlaß vom 7.6.1874 aufgelöst,
"weil dem am 23.5. zur Feier des 25. Semesters ihres Bestandes abgehaltenen
Festkommers ostentativ ein vorwiegend politischer Charakter gegeben und mit
Überschreitung des genehmigten Programmes Reden politischen Inhaltes gehalten und Briefe
gleichen Inhaltes zur Verlesung gebracht wurden". Nach einer kurzen Zeit im
Untergrund konnte Germania unter dem Namen "Wiener Burschenschaft Germania"
wieder legal an die Öffentlichkeit treten.
Zu Beginn des Wintersemesters 1888
zwang ein erneuter Mangel an Aktiven zu einer Vertagung. Dieses Tief konnte innerhalb nur
eines Jahres überwunden werden und Germania erlebte den Rest des Jahrhunderts ohne
gravierende personelle Probleme.
Im Jahre 1903 konnte das Coleurhaus
im 8.Bezirk bezogen werden. Dieses Haus in der Lange Gasse 10, das noch heute mit den
Zirkeln der Germania geschmückt ist, blieb bis 1938 Heimstatt für das Aktivenleben, für
Kneipen, Convente und Mensuren.
Im Juni 1938 legten die Germanen
zwangsweise Band und Mütze nieder und wurden zusammen mit der Burschenschaft Alemannia in
die NS-Studentenkameradschaft "Conrad von Hötzendorf" überführt. 1952 sollte
dann das vorerst letzte Kapitel in der Geschichte der Germania aufgeschlagen werden.
Die Geschichte der Wiener
Burschenschaft Gothia
Im Jahre 1885 gründete sich die
Fecht- und Kneipriege der "Lesehalle an der technischen Hochschule". Wegen der
politischen Verfolgung und um die Bücherei der "Halle" zu erhalten, wandelte
sie sich am 2. Mai 1891 in den Verein deutscher technischer Hochschüler Gothia um. Sie
löste sich von dem 23 Vereine umfassenden "Waidhofner Verband" und schloß sich
den sog. "Vereinen" an, die meist von Studenten der Sprachgrenzregionen
gegründet wurden. Sie verstanden sich als Kampforganisationen gegen die hauptsächlich
seit 1879 betriebene Slawisierungspolitik der Habsburger. Gothia verfolgte die Grundsätze
deutschnationaler Gesinnung im Sinne Schönerers, Kampf für Größe, Einheit und Reinheit
des deutschen Volkes, unbedingte Genugtuung auf Säbel und Einfachheit in studentischen
Formenwesen. Als Farben wählte man schwarz-rot-gold auf silber-blau. Ein Kopfcoleur wurde
im Sinne der Einfachheit nicht getragen.
Die praktische Umsetzung der radikal
vertretenen Ziele des Vereins (Großdeutschland, Freiheit, Ehre, Reinhaltung von deutschem
Volkstum und Boden) führten zur zweimaligen Auflösung in den Jahren 1892 und 1896. Im
Jänner 1895 führten sie Kappen und Halbwichs, im Mai 1899 Vollwichs und im Februar 1907
als Burschenschaft eine große weiche Schlappmütze ein. Gothia blieb den Idealen
Schönerers und Bismarcks stets engagiert verbunden. So wurde alljährlich zum Todestag
von Bismarck eine größere oder kleinere Gedenkfeier abgehalten; Schönerer wurde 1919 -
zwei Jahre vor seinem Tode - als Ehrenbursch aufgenommen.
Die politischen Aktivisten der Gothia
bekamen einige male empfindliche Folgen ihres Handelns zu spüren: Einer mußte wegen
seiner vor dem ersten deutschen Studententag 1897 gehaltenen Rede binnen 24 Stunden das
Land verlassen; ein weiterer wurde bei Kundgebungen gegen die Sprachenverordnungen, gegen
slawische und italienische Hochschulforderungen von einem Italiener angeschossen.
Die Pflege der Säbelfechtkunst für
den "Ernstfall" führte mit der Zeit zum Mißbrauch des Säbels als Mensurwaffe.
Aus diesem Grunde führte Gothia im Februar 1905 das konservative Prinzip und damit die
Bestimmungsmensur auf Schläger ein. Am 15. Mai 1905 erklärte sie sich zur Burschenschaft
und trat bereits am darauffolgenden Tag in den Wiener DC ein. Im WS 1908/09 übernahm sie
zum ersten mal den Vorsitz. Auf den Burschentagen von 1919 vertrat Gothia durch ihren AH
Pichl vehement und schließlich mit Erfolg den den Zusammenschluß mit der Deutschen
Burschenschaft. In diesem Dachverband sah Gothia ihre Aufgabe vor allem in der
Durchsetzung der ostmärkischen Grundsätze und der sog. "Waidhofener
Grundsätze".
Die herausragendsten
Persönlichkeiten der Gothia waren AH Univ. Prof. Dr. Heinrich Ritter von Srbik als
Minister für Kultus und Unterricht im Kabinett des Polizeipräsidenten Johann Schober in
den Jahren 1829/30, 1938 Präsident der Wiender Akademie der Wissenschaften und Mitglied
des Reichstages sowie AH Pichl mit seinen 32 Säbelpartien. AH Pichl war Mitbegründer der
Gothia und Zeit seines Lebens politisch aktiv. Er sollte 1897 eine dann verbotene
Protestveranstaltung gegen das Verbot Badenis, in Prag schwarz-rot-gold zu tragen, leiten.
Er war einer der Hauptakteure bei dem Zusammenschluß mit der deutschen Burschenschaft. Er
gründete den alpinen Wehrturnverein "Edelweiß", war Führer - später
Ehrenführer der "Deutschen Wehr" und war maßgeblich an der Erschließung der
österreichischen Alpen beteiligt, Präsident des Alpenclubs und Obmann der Sektion
Austria des deutschen und österreichischen Alpenvereins. Er starb am 15. Mai 1955 in
Lauffen (Salzkammergut).
1938 mußte die alte Gothia nach 1050
Mensuren und 284 Säbelpartien ihre Farben niederlegen.